Konzept: Maria Pawlowna | Kultur - Medien - Wirtschaft

Interview mit Prof. Dr. Klaus Hüfner, Prof. Dr. Erich Taubert und Wolfgang Knappe
(Thüringer Wochenblatt 15. November 2000)

TWB: Sehr geehrter Prof. Hüfner, welche Voraussetzungen muß man erfüllen, um Weltkulturerbe zu werden und welche Verantwortung ergibt sich daraus?

Prof. Hüfner: Es geht darum, dass es sich um Stätten handeln muss, die eine Einzigartigkeit aufweisen. Es wird also nicht so sein, dass wir im Laufe der nächsten 10/20 Jahre alle gothischen Kirchen in der Liste haben, sondern 1, 2 oder 3, aber da müssten dann auch schon wieder Besonderheiten sein, bezogen auf historische Entwicklung, bezogen auf Einfluss auf Politik, Wirtschaft und Kultur. Diese Kriterien sind also definiert, sie sind für die Auswahl so eine Art Schablone. Die einzelnen Mitgliedsstaaten haben ein Interesse daran, dass besondere Kultur- und Baudenkmäler, Landschaften, Kulturlandschaften aufgenommen werden in diese Liste, und sie müssen Anträge stellen. Das ist ein bürokratischer Prozess, weil da im Detail alles genau angegeben werden muss. Diese Anträge gehen dann an eine Expertenorganisation ICOMOS und dort wird bestimmt, wer das Gutachten erstellt. Das Gutachten geht dann mit Empfehlung an den aus Regierungsvertretern der Mitgliedsstaaten der Unesco bestehenden Welterbeausschuss. Die entscheiden dann. Das Faszinierende ist, dass die Nachfrage enorm, aber ungleichgewichtig anwächst, also Ungleichgewicht in dem Sinne, dass die traditionellen westeuropäischen Staaten wie F, I, D, mit jeweils rund 20 Stätten nicht nur sehr stark vertreten sind, sondern auch schon zusätzliche Listen formuliert haben. Die Bundesländer haben noch 20 Vorschläge. Andere Länder haben da weniger Chancen, weil Entwicklungsländer z. B. solche Sitzungen des Komitees nicht im eigenen Land durchführen können. Zum Schluss ist da auch noch Politik mit im Schwange. Mit Aufnahme eines Welterbes in diese Liste sind dann Pflichten verbunden, die in den Richtlinien "Für die Durchführung des Übereinkommens zum Schutze des Kultur- und Naturerbes der Welt"niedergelegt sind. Ein Punkt, der wichtigste, ist: Das Komitee für das Erbe der Welt fordert die Vertragsstaaten des Übereinkommens auf, das Komitee über das Sekretariat der Unesco zu benachrichtigen, wenn sie die Absicht haben, in einem auf Grund des Übereinkommens geschützten Gebiet erhebliche Wiederherstellungs- oder Neubaumaßnahmen durchzuführen oder zu genehmigen, die Auswirkungen auf den Wert des Gutes als Teil des Erbes der Welt haben können. Die Benachrichtigung sollte so bald wie möglich (z. B. vor Ausarbeitung der grundlegenden Unterlagen für bestimmte Vorhaben) und vor Entscheidungen erfolgen, die schwer zurückzunehmen wären, so dass das Komitee mithelfen kann, angemessene Lösungen zu finden, um zu gewährleisten, dass der Wert der Städte als Teil des Erbes der Welt vollständig erhalten bleibt. Ein sehr ausgewogener Text, der von den Unterzeichnerstaaten und den Welterbestätten fordert, dass bei Veränderungen, egal welcher Art, eine unmittelbare Konsultationspflicht besteht. Finanzen gibt es überhaupt nicht, jedenfalls nicht für so reiche Länder wie Deutschland, aber, und darauf hat die Ministerin des Freistaates Thüringen gestern nochmal hingewiesen; die Welterbekonvention hat einen kleinen Fonds, Entwicklungsfonds, denn alle Mitglieder dieser Konvention müssen einen Beitrag zahlen, und der ist vor allem vorgesehen für Hilfen für Entwicklungsländer, die diese Kosten der Restaurierung usw. nur schwer tragen können.

TWB: Letztlich geht es ja auch darum - und dazu werden Sie heute noch an einer Publikumsdiskussion unter dem Titel "Weltkulturerbe - eine Chance für alle" teilnehmen, Kultur, Wirtschaft und Politik unter einen Hut zu bringen. Wie kann man das, was im Kleinen bereits funktioniert auf diese höhere Ebene transferieren?

Prof. Hüfner: Also, jetzt sind Sie doch schon wieder ganz nahe an unserem Beispiel, Ensemble "Klassisches Weimar".

TWB: Ich glaube es ist auch schwierig, wenn nicht unmöglich, das völlig getrennt voneinander zu betrachten.

Prof. Hüfner: Das hängt natürlich davon ab, wie die Staaten aufgebaut sind. Unser Staat mit dieser pluralistisch-demokratischen, dezentralisierten Struktur - 16 Länder, die die Kulturhoheit haben, da ist das alles schon viel schwieriger. Wenn Sie hier dieses berühmte B7-Projekt haben, ich glaube hier sind deutlich über 40 Entscheidungsträger beteiligt. Es ist ein unheimlich komplexer Entscheidungsprozess, der da zu einem Konsensus führen soll. Und die zusätzliche Bedingung ist jetzt, woran man bisher eben nicht gedacht hat - aber jetzt denkt man daran, jedenfalls ist mir das von der Staatskanzlei versprochen worden, dass man dabei die Unesco konsultieren muss.

TWB: Dabei interessiert mich jetzt Folgendes: Prof. Hüfner, als Präsident der Deutschen Unesco-Kommission sind sie ja auf den Plan gerufen, das Kulturerbe mit zu schützen, oder verstehe ich das falsch? Wie schätzen sie die Situation vor Ort, ich meine im Thüringer Raum ein? Um auf den Punkt meiner Frage zu kommen, ich meine Thüringen konkret und die bereits angesprochene Ortsumgehung in Weimar. Ich weiß, dass die heutige Podiumsdiskussion ja sicher auch noch Einiges erbringen wird. Mich interessiert, was können Sie als Unesco-Beauftragter wirklich tun?

Prof. Hüfner: Also unsere Macht besteht darin, dass wir alle Beteiligten darauf aufmerksam machen, dass sie bestimmte Regeln unterschrieben, sich rechtlich verpflichtet haben, diese Regeln einzuhalten, und denen müssen wir das ganz deutlich aufzeigen. Das haben wir in Potsdam aufgezeigt, das haben wir hier gemacht. Ich meine diese Aktion am 18./19., als dieser Artikel erschien, wo ich ja im Grunde immer gesagt habe, wenn ihr so weiter macht wie bisher, dann gibts Ärger. Dies hat ja dazu geführt, dass ich eine Woche später wieder hier in Weimar ein Gespräch hatte mit dem Chef der Abteilung Raumordnung und Landesplanung und ich ihm auch nochmal die Dokumente gezeigt habe. Es stellte sich heraus, dass offensichtlich gar keine Böswilligkeit vorlag, man wusste einfach nicht, dass diese Verpflichtungen wahrscheinlich bei dem Wissenschaftsministerium lagen, und die Landesraumordnung war damit noch gar nicht konfrontiert. Aber ich weiß von meinem Gesprächspartner, dass er mit allen Stellen, nicht nur mit uns in Bonn, sondern auch mit dem Auswärtigen Amt telefoniert hat und er hat mir versprochen, jetzt wird er in angemessener Form diese Rahmenbedingungen berücksichtigen. Ich habe inzwischen schon Überlegungen angestellt, wie man das angemessen machen kann, wie diese Konsultationen ablaufen sollen. Eine meiner Überlegungen besteht schlicht darin, dass man den Experten, der die Begutachtung gemacht hat für die Aufnahme auf die Liste, jetzt wieder involviert, denn das ist eine neutrale Instanz, und der würde dann der Unesco berichten. Und das kann man sehr bald machen, um unnötigen Widerstand auf der einen oder anderen Seite abzubauen.

Prof. Taubert: Wo wir das auch sehr bald machen müssen - Zeit, es gibt ja auch Termine.

TWB: Ja, genau. Es ist ja so, dass was dieses Thema Ostumgehung angeht - gab es zwei Varianten, die stadtferne und die stadtnahe Variante der Ostumgehung Weimar. Und dieses Straßenbauamt Kölleda ist der Planer. Die Sprache dabei ist ja von der Zerstörung des Weltkulturerbes, was hier ja dieser Grünzug zwischen Tiefurt und Kromsdorf ist.

Prof. Taubert: Zerstörung ist jetzt sicherlich ein überhöhter Begriff.

Prof. Hüfner: Diese Variante 1 kann man ja so oder so bauen. Und da gibt es ja auch Vorschläge, die Strasse sehr tief zu legen usw. aber da muss ja wieder genau überprüft werden, ob das ökologische Gleichgewicht erhalten bleibt - ich meine, wenn der Park in Tiefurt dann kein Wasser mehr hat, das muss ja alles überprüft werden. Doch das ist nicht unser Bier, also der dt. Unesco-Kommission. Da ist uns klar, dass da diese ökologischen, ökonomischen, politischen Faktoren eine sehr wichtige Rolle spielen, dass man da Kosten-Nutzen-Analysen aufstellen muss. Wir von der Unesco-Kommission weisen eben daraufhin, dass ihr, wenn ihr das in dieser Region tut, dann müsst ihr natürlich auch vorher genau wissen, welchen Nutzen ihr eigentlich dem Kulturerbe beimesst, welchen materiellen, immateriellen Wert und wie wollt ihr den monetär bewerten. Erst wenn das entschieden ist, kann man auch sagen, ja die Variante und die Kosten sind wir bereit zu tragen. Insofern ist diese Diskussion natürlich in jeder Hinsicht nützlich. Letztenendes wird es eine politische sein - immer, weil ja auch schon bei der ganzen Frage der Folgen - egal, welche Variante sie nun nehmen - immer mehr Faktoren hinzu kommen. Es werden immer wieder andere Gemeinden tangiert und die, die unmittelbar tangiert werden, sind apriori dagegen. Und dieser Ausgleichsprozess ist eine schwierige Entscheidung.

TWB: Aber wer begründet denn die Notwendigkeit dieser Umgehung?

Prof. Taubert: Ich bin kein Kommunalpolitiker, bin also so informiert, wie jeder andere Bürger auch. Aber aufgrund der Tatsache, dass ich mich lokal und regional für die Belange der Unesco interessiere und engagiere, werden an mich die unterschiedlichsten Interessenwünsche herangetragen. Da gibt es Informationen derjenigen, die ihre Wirtschaftsinteressen gefährdet sehen und auch gegensätzliche "Reizworte" anbieten wie, daß z.B. Arbeitsplätze geschaffen oder gefährdet werden, damit muss man vorsichtig umgehen. Ich bin der Meinung, wie es Prof. Hüfner sagte, hier ist eine Vielzahl von Interessen und die Abwägung der Güter muss natürlich geprüft werden. Was schädigt wirklich die Wirtschaft und was schädigt sie nicht. Das können meiner Meinung nach nur Experten beurteilen. Man muss das ökologische Gleichgewicht berücksichtigen und auch die verkehrspolitischen Maßnahmen der Raumplanung ins Auge fassen. Insofern halte ich es für bedeutsam, dass wir jetzt in ein Gespräch geführt haben, um die auseinanderklaffenden Interessen zusammenzuführen, Gutachten zu erstellen und Kompromisse einzugehen.

Prof. Hüfner: Ich bin von Hause aus Ökonom. Und das Problem, Kulturerbe müssen wir ja auch unter einem doppelten Aspekt sehen. Einerseits bedeutet dieses Weltkulturerbe, die Notwendigkeit, alles zur Erhaltung beizutragen und damit von Baumaßnahmen verschiedener Art abzusehen. Andererseits ist das ja nun Weimar. Ich fahre doch nicht nach Weimar, um in einem größeren Selbstbedienungsladen mir einen Anzug zu kaufen. Ich fahre nach Weimar wegen dieser Stätten und das bringt auch Geld in die Stadt und zwar nicht wenig. Die Wartburg hatte nach der Wende zu viele Besucher, die Umweltschützer setzten Limits, jetzt 450.000, an denen sich die Wartburg orientiert. So muss es eben auch Eckdaten geben für die Bewahrung dieses Weltkulturerbes. Vielleicht muss man da überhaupt anfangen. Man muss auch andere Abwägung anstellen. Bei diesem Ensemble besteht natürlich auch das Problem, dass der Verkehr in der Stadt nicht noch dichter werden darf. Die Ostumgehung wäre eine Entlastung. Das muss nun gegeneinander abgewogen werden, und gibt es noch andere Entlastungen? Es gibt ja auch noch andere Alternativen, Sie können Verkehr auch "verbieten", in dem Sie noch größere Fußgängerbereiche ausweisen usw.., so dass jedes Problem zunächst mal fachspezifisch zu analysieren und dann zu kombinieren ist mit dem anderen. Das ist eine schwierige Aufgabe. Ich bin der letzte, der da intervenieren will, darf oder soll. Ich möchte nur meine einzige Pflicht wahrnehmen, nämlich auf die Eckdaten hinweisen. Und die lauten: "Ihr habt den Antrag gestellt, ihr seid aufgenommen worden und jetzt müsst ihr eure Pflichten erfüllen. Und wenn immer jetzt was verändert wird, dann nur über einen engen Konsultationsprozess, der sehr flexibel gehalten ist, wo man Experten ranholen kann etc.. Wenn ihr das nicht macht, dann lauft ihr Gefahr, auf die rote Liste gesetzt zu werden. Das ist aber eigentlich meine alte Message von vor vier Wochen."

Knappe: Vor 14 Monaten diskutierten wir im Schloß Kromsdorf schon einmal das Thema Ostumgehung. Jetzt stehen das Weltkulturerbe, der Tiefurter Park und die Verträglichkeit mit der Ortsumgehungsstraße Weimar auf der Tagesordnung. Viele Aspekte sind zu berücksichtigen. Einerseits gilt es, den Tiefurter Park zu schützen. Der Tiefurter Park ist eine der elf klassischen Stätten, die Aufnahme in die UNESCO-Weltkulturerbeliste fanden. Anderseits geht es um die Frage einer optimierten Lenkung der wachsenden Verkehrsströme. Die ständig zunehmenden Verkehrsmengen werden durch die Innenstadt gepfercht. Das bekommt den dort befindlichen Denkmalen auch nicht sonderlich gut. Eine zusätzliche Verkehrsader scheint somit sinnvoll. Aber wo und wie? Das ist die Frage, die die Gemüter erhitzt und recht starke Spannungen zwischen den Interessengruppen erzeugt. Umso notwendiger ist es, sachlich - in der Sache - miteinander zu reden, um auch die jeweils andere Perspektive zu verstehen und um angeregt zu werden, Lösungen zu finden. Aus den Anregungen dieser Gespräche ergibt sich auch der Anspruch an die Planer. Er besteht zurecht. Als die Raumordnungsplanungen 1993 begannen, waren, das ist verständlich, noch nicht alle Aspekte bekannt. In der Zwischenzeit dürften sie aber geläufig sein. Dennoch, und dies bedarf der Erklärung, fanden sie bisher offensichtlich keine praktische Umsetzung, etwa bei der Erstellung noch notwendiger Gutachten. Es sieht so aus, als würde "alter Wein in neuen Schläuchen" verkauft. Die offenen Fragen sind z.B. der exakte Trassenverlauf und seine möglichen Auswirkungen auf die Sichtbeziehungen, auf den Lärm, auf das Grundwasser, auf die Anlieger, auf die Kosten etc. Anstelle dieses nachzuholen und bereits im Raumordnungsverfahren, Weichen für die Ausführung so zu stellen, daß mögliche Nachteile durch die Ausführung ausgeglichen werden, geht der Streit zwischen den Parteien um die -oder um die - oder um gar keine Variante weiter. Meine Absicht ist es, wo ich kann, diesen nicht fruchtbaren Tendenzen entgegenzuwirken.

Das Gespräch, das so geführt wird, einander verstehen zu wollen, ist denkbar geeignet. Was wäre schon, in die Zukunft geschaut, erreicht, wenn sich eine Interessengruppe in einer bestimmten Sache gegen eine andere Kraft vermeintlicher Stärke durchgesetzt hätte, aber tiefe Gräben blieben? Insofern kann ich den Ortsbürgermeister Tiefurts, Jörg Rietschel, gut verstehen, wenn er die UNESCO anrief, zumal dies hätte seitens der Raumordnungsbehörde geschehen müssen. Wir im Schloß Kromsdorf im Weimarer Land an der Nahtstelle zur Stadt Weimar, ich, der ich selber Weimarer bin, und mich um eine bestmögliche Zusammenarbeit zwischen beiden Gebietskörperschaften bemühe, haben viele Gründe, nicht passiv zu bleiben. Wir versuchen über diesen zarten Weg, z.B. den Maria-Pawlowna-Promenadenweg vom Schloß Tiefurt zum Schloß Kromsdorf, die Interessen zusammenzuführen. Der Streit um den Trassenverlauf kann dem Bemühen konträr entgegenwirken, zumal er gelegentlich nicht sehr fein, nicht sehr argumentativ, nicht sehr umsichtig geführt wird. Schließlich gehören zur Aufnahme in das Weltkulturerbe laut Satzung auch Pflichten. Dieselben sagen eindeutig, daß jeder Eingriff, der eine Gefährdung des Denkmals darstellen könnte, bereits vor der Planung mit der UNESCO abzustimmen ist. Hier klafft die Lücke.

Prof. Hüfner: Auf der unteren Ebene hat man es vielleicht gewusst, aber auf den höheren ...

Knappe: Unwissenheit ist kein ausreichend sachliches Argument.

Prof. Hüfner: Sie haben eben auf diesen einen Punkt hingewiesen, den der zeitlichen Anordnung: als die Trasse geplant war, da gab es das Weltkulturerbe noch nicht. Als das Weltkulturerbe dann genehmigt war, war wohl niemand da, der darauf aufmerksam gemacht hat, jetzt müsst ihr noch diese zusätzlichen Rahmenbedingungen berücksichtigen.

Prof. Taubert: Die Wertschätzung für das UNESCO Welterbe ist in Weimar noch unterentwickelt. Die Anerkennung, daß wir hier verschiedene Verantwortungsträger haben, genügt nicht. Sie darf nicht allein in den Händen der Stadtkirche St. Peter und Paul liegen. bei den Kunstsammlungen, der Stiftung Weimarer Klassik oder der Bauhausuniversität. Bis heute ist das Welterbesymbol, die Gedenktafel am UNESCO platz ausgenommen, an keinem der elf Objekte des UNESCO Welterbes in Weimar angebracht. Hier ist auch die Stadtverwaltung gefordert.

TWB: Und wie kann man den Bürgern und vor allem auch den Politikern dieses Bewusstsein "antrainieren"?

Knappe: Die Publikumsdiskussion am 17. September 2000 im Schloß Kromsdorf soll ein Beitrag sein, das Problembewusstsein zu heben. Am liebsten würden verschiedene Leute gar nicht miteinander sprechen. Sie möchten gern auf ihren Positionen beharren, sich nicht mit Argumenten an einer Problemlösung beteiligen und geben sich gar mitunter schwer, eine andere Meinung anzuhören. Und genau diesem ist entgegenzuwirken. Man muss zur rechten Zeit miteinander reden, sagen: "kommt Leute, lasst uns alle an einen Tisch setzen und das Problem besprechen und gemeinsam Lösungen suchen." Weimar steht dafür: Die Tafelrunde der Anna Amalia könnte ein gutes Vorbild sein. Es geht darum, ein Sachproblem zu klären. Der Andere ist nicht besser und er ist nicht schlechter, weil er eine andere Meinung hat. Aber er muß sie vertreten und dem Anderen das gleiche Recht zugestehen. Die Trennung von Subjekt und Objekt, das fällt mir immer wieder als grundlegendes, allgemeines Problem auf, fällt sehr, sehr vielen Zeitgenossen sehr schwer.

Prof. Taubert: UNESCO Probleme gehören in die Öffentlichkeit. Es genügt nicht, das Büchlein zu schreiben "Welterbe in Weimar". Es genügt auch nicht zu wissen, wir haben den UNESCO-Platz, das ist eine Sache. Also die Unesco mehr ins Bewusstsein rücken. Europäische Kulturstadt war ein Ereignis für ein Jahr. UNESCO Welterbe Weimar ist permanent. Das ist entscheidend und daraus ergeben sich eine Menge Vorteile. Es wurde schon mehrfach gesagt für die Wirtschaft, für die Touristik und so weiter und so fort. Und da klemmt vieles noch.

Prof. Hüfner: Es gibt ja auch mehrere Dinge, die wir aus diesen Diskussionen lernen in der Deutschen Unesco-Kommission. Anfang 2001 machen wir in Weimar eine Großveranstaltung. Die bringt alle Welterbestätten Deutschlands erstmals zusammen. Am ersten Tag werden wir Grundsatzreferate hören und auch das immaterielle Welterbe vorstellen. Wir hatten bisher die "Harte Ware", also Schlösser, Denkmäler, als zweites die Natur und als drittes nun dieses Immatrielle, also etwa die Inhalte von Büchern, Texte verschiedener Art usw. Und da haben wir in der Deutschen Unesco-Kommission, weil es im Rahmen des Föderalismus in Deutschland schwer zu einem Konsensus kommt, die Initiative ergriffen. Wir haben Vorschläge entwickelt - sehr mühsam, aber mit vielen Vertretern aus allen Bereichen der deutschen Kultur und werden nun die ersten Vorschläge weiterreichen. Dazu gehört dann auch Goethe. Zwar können wir nicht alles digitalisieren. Was aber werden wir machen? Wir werden also einerseits das Gesamtverzeichnis, und dann ein Werk, nämlich den westöstlichen Diwan - weil da der Bezug zu anderen Kulturen hergestellt wird, vorschlagen, aber gleichzeitig dafür sorgen, dass dieser Text auch in englischer Sprache vorhanden ist, damit er einer noch größeren Zahl von Menschen zugänglich ist. Am nächsten Tag teilen wir uns in zwei Arbeitsgruppen auf, eingeladen werden einerseits die offiziellen Vertreter der Welterbestätten-Bürgermeister, zuständige Kulturdezernenten usw. und andererseits die staatlichen und die privaten Tourismusvertreter.

TWB: Aber die tun doch meist nur was, wenn sie sich Vorteile daraus erwarten.

Prof. Hüfner: Ja, aber sie müssen auch was geben. Und das wiederum zum Wohle des kulturellen Erbes. Und wir machen dann zwei Arbeitssitzungen und behandeln zwei Problemkomplexe. Einerseits, vor allem mit den Vertretern der Welterbestätten, die ständige Überwachung der Erhaltung des Bestandes, was dabei zu beachten ist. Wir lernen sozusagen aus den Erfahrungen von Weimar und Potsdam und wollen alle Gemeinden rechtzeitig informieren, wie das zu laufen hat.

TWB: Was meinen Sie konkret in Potsdam?

Prof. Hüfner: Potsdam, da ging es darum, dass der Bahnhof so groß werden sollte, dass die Sichtachsen von Babelsberg bis Schloss Sanssoussi kaputt gegangen wären. Jetzt ist der Bahnhof verkleinert und heruntergesetzt worden. Es gab intensive Diskussionen und es waren auch immer Vertreter von besonderen Bürgergruppen da, die sich engagierten. Und das wird auch in Zukunft so sein. Es gibt auch andere Probleme . Wir haben in Goslar nicht nur die Kaiserpfalz, sondern wir haben auch dieses Bergwerk. Und da liegt das Problem, dass das Bergwerk in der Form nicht mehr so stabil bleibt und nun stellt sich die Frage, wie man Teile zuschüttet, ohne das Ganze kaputt zu machen. Was wir von der Deutschen Unesco-Kommission wollen besteht darin, sozusagen die Aufregungen, die unnötiger Weise entstehen, wenn einzelne gleich an die Unesco schreiben, in dem Sinne zu reduzieren, dass wir von vornherein allen Beteiligten klarmachen, welche Verpflichtungen sie haben, welche Regelungen sie beachten müssen. Und: Wenn immer Probleme auftauchen, sind wir als Deutsche Unesco-Kommission das Bindeglied zur Unesco und zuständig für die Vorberatung, nicht für die Expertenberatung. Dazu müssen dann die Experten im Rahmen der Welterbekonvention des ICOMOS herangezogen werden.

Prof. Taubert: Ist das nicht ein schöner Anwalt, die Unesco, ein Anwalt für die gute Sache, für die Natur und die Erziehung. Da steckt doch alles drin.

Prof. Hüfner: Das macht die eine Arbeitsgruppe. Die andere Arbeitsgruppe wird sich beschäftigen mit Fragen des sogenannten "Sanften Tourismus" oder des "Kulturtourismus". Und all die damit zusammenhängenden Fragen der Kooperation von staatlichen und privaten Interessierten bis hin zu Expansionsmöglichkeiten und - unterschwellig ist es schon hier jetzt vorhanden, zwischen Weimar und Eisenach. Das ist ja eine gemeinsame Geschichte, eine sehr lange gemeinsame Geschichte, und da gab es ja nun einen vielfältigen Austausch. Und irgendwann müssen doch alle auf die Idee kommen, wer Weimar besucht, sollte auch nach Eisenach und umgekehrt. Und das kann man doch kulturhistorisch usw sehr gut sichtbar machen für Interessierte. Ich kenne viele Leute schon, die sich zum Ziel gemacht haben - Sie werden staunen! - alle Welterbestätten in Deutschland zu besuchen. Ich kenne sogar einige Lehrerinnen, die haben sich an uns gewandt, als ich mit dem ehemaligen Generaldirektor Mayor vor einem Jahr auf der ITB war, die wollten sämtliche Stätten haben, weil es für sie ein Ziel ist, in ihrem Leben mal alle Stätten besucht zu haben. Das find ich ja toll. Zu dieser Achse - wenn ich das mal so nennen darf - Weimar- Eisenach, kommt ja auch noch so eine andere Art von Multiplikatoreffekt. Und der bedeutet schlicht, wenn man eine Region hat, die zum Welterbe ernannt wurde und bestimmte Elemente beinhaltet, also dieses Ensemble "Klassisches Weimar", dann gab es ja schon immer eine Umwelt mit anderen Schlössern usw., die nun die Peripherie des Ganzen ausmachen, aber die auch gemeinsame Geschichte hatten. Und so muss und kann das Ganze erweitert werden, und irgendwann kann man dann dieses klassische Weimar eben auch neu definieren. Auch diese Möglichkeit besteht.

TWB: Wenn die Ideen vorhanden sind, und auch gute Ideen vorhanden sind, wie soll Ihrer Meinung nach deren praktische Umsetzung aussehen?

Knappe: Es gibt dieses Konzept: "Maria Pawlowna - Kultur-Medien-Wirtschaft". Prof. Taubert hat das vorhin schon einmal erwähnt. Kultur haben wir satt, aber viele empfinden dies als Bürde. Oh Gott, da haben wir schon wieder ein Denkmal - und noch ein Orchester - und schon wieder ein Theater. Wer soll sich das leisten? Wer soll das finanzieren? Es gilt zu verstehen, daß gerade dieses den Reichtum unserer Region ausmacht, der so üppig selten auf der Welt zu finden ist. Dieses muß nicht nur bekannt, sondern es muß auch erlebbar und verinnerlicht werden. Dabei ergibt sich gerade für die Medien ein hochinteressantes Betätigungsfeld. Die Medien sind die Brücke, um dieses Bewusstsein regional und überregional zu befördern. Ungezählte Geschichten sind noch nicht erzählt, mit manchem Geschichtspfund noch nicht gewuchert. Maria Pawlowna, zum Beispiel, könnte eine Film-Protagonistin sein.

TWB: Aber wir können doch nicht nur noch über Maria Pawlowna schreiben.

Knappe: Dies ist nicht gemeint. Glauben Sie wirklich, daß Maria Pawlowna zu oft beschrieben wurde? Es ist eine reizvolle Aufgabe, sich dieses Themas anzunehmen. Freiherr von Stein pflegte zu sagen: "Die Kenntnis des Ortes, ist die Seele des Dienstes". Man kann es auch in die Sprache unserer Tage übersetzen: Wo liegen die wirtschaftlichen Chancen Thüringens? Thüringen könnte ein Standort für Hochtechnologien, Medien und Tourismus, Gewerbe und Dienstleistungen sein. Leider ist die derzeitige Auslastung der Bettenkapazitäten, die Verweildauer der Gäste nicht zufriedenstellend. Man muß fragen, was ist zu unternehmen? Wie gelingt es, mehr Leute zum längeren Verweilen in Thüringen zu animieren? Das bedarf der Ideen. Maria Pawlowna ist eine solche. Ideen bedürfen der Umsetzung. Hierbei sind alle Thüringer gefragt!

TWB: Und welche Möglichkeit haben nun größere Unternehmen, ihre Mittel und ihre Kraft so einzusetzen, dass am Ende noch was für sie dabei rauskommt?

Knappe: Sie haben recht. Jedem muss daran liegen, seine Ware an die Frau oder den Mann zu bringen. Ob das - sie mögen den scheinbar despektierlichen Vergleich verzeihen - ein Auto oder eine Theaterkarte ist, im grunde spielt das keine Rolle. Wir, im Schloß Kromsdorf, haben z.B. mit Maria Pawlowna in den letzten 16 Monaten beste Erfahrungen machen können. Übrigens auch zusammen mit dem Thüringer Wochenblatt, dass zuverlässig in einer sehr angemessenen Weise die Ereignisse um die Russische Großfürstin und Großherzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach begleitet. Verschiedene Hotels, der "Russische Hof", das "Dorint-Hotel", der "Dorotheenhof" Weimar, unterstützen ebenso, wie z.B. die Stadtwerke Weimar und Unternehmer aus der Region die Sonderseiten des Thüringer Wochenblattes. Wir wissen sehr genau: Wenn wir nichts unternehmen, wenn wir uns hier nur auf "Goethe" verlassen, der "arme Kerl" bricht unter der Last zusammen, wenn wir jetzt nicht weitere touristische Aspekte aufzeigen - die alle vorhanden, aber bisher für den Tourismus wenig entdeckt sind - dann werden wir über kurz oder lang große finanzielle und existentielle Einbrüche im Freistaat Thüringen hinnehmen müssen. Die Abwanderungstendenzen junger Leute sind ernste Zeichen! Das muss nicht so sein. Aus diesem Grunde sehen wir, wie gesagt, in Maria Pawlowna eine gute Möglichkeit, die touristische Attraktivität Thüringens weiter auszubauen. Dazu habe ich ein Konzept erarbeitet: " Maria Pawlowna Kultur - Medien - Wirtschaft". Bislang hört man allzuoft die Klage, daß der enorme Reichtum an Kultur unserer Region eine kaum mehr zu tragende Bürde darstelle. Betrachten wir es doch einmal von einer anderen Seite. Ist der einzigste Schatz von Natur - Geschichte & Geschichten - Persönlichkeiten - Architektur - Kultur und den Künsten nicht eine komfortable Ausgangslage für die Wirtschaft? Nicht nur als weicher Standortfaktor etwa für innovative zukunftsorientierte Wirtschaftsfelder, sondern vor allem auch für den Tourismus. Hier liegen große Betätigungsfelder. Nun setzt dies alles Kenntnis voraus. Vor allem bei Entscheidungsträgern. Freiherr von Stein sei zitiert: " Die Kenntnis des Ortes, ist die Seele des Dienstes". Thüringen braucht eigene, auf die Eigenarten der Region abgestimmte Konzepte! Gewiß gibt es viele Papiere, auf denen "Konzept" steht, in der Regel sind es aber Pauschalen, die "überall in der Welt passen", tatsächlich aber selten im Konkreten hilfreich sind. Sie treffen den Nerv nicht. Dieses weiß auch Landtagspräsidentin Christine Lieberknecht, die sich um die Akzeptanz eines für Thüringen zutreffenden Ansatz bemüht: "Kultur und Wirtschaften".

Sie übernahm die Schirmherrschaft über das Konzept "Maria Pawlowna...". Sie sagt, wenn wir das an einer Figur, die noch nicht "entdeckt", die noch immer nicht besetzt ist, aufziehen, dann wird praktisch - für jeden sichtbar, worum es geht. Die Beschäftigung mit Maria Pawlowna oder ihrer Ur-Schwiegermutter Anna Amalia oder ihrer Schwiegertochter, der Großherzogin Sophie, ist nicht nur kulturhistorisch bemerkenswert. Insbesondere spannend ist die Art und Weise, wie sie die Regierungsgeschäfte im Herzogtum Sachsen-Weimar, nach 1815-im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach-führten. Die einzelnen konkreten Situationen sind eins zu eins nicht übertragbar, wohl aber können- z.B. die Prinzipien der Lenkung des Staates - wichtige Impulse für uns Heutige geben: Die Regentinnen stellten sich, so ist es überliefert, den Problemen ihrer Zeit. Es kommt darauf an, Maria Pawlowna bekannt zu machen. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Maria Pawlowna (Christiane Färber) nebst ihrem Gemahl Carl Friedrich (Bernd Wiese) treten beispielsweise zu den verschiedensten Anlässen im Kostüm mit manchem hübschen, erhellenden Dialog auf. Viele Veranstaltungen unterm Dach "Maria Pawlowna" wurden und werden inszeniert. Die Medien sind gefragt. Denn: "Was in der Zeitung steht, ist existent". Wenn der Rundfunk oder gar das Fernsehen berichten, kann man relativ sicher sein, dass das allgemeine Interesse geweckt wird. Will sagen, die Vermittlung neuer touristischer Ansätze obliegt den Medien. Je besser sie agieren, um so größer wird sich der Effekt einstellen. Einiges auf der Filmseite ist schon erreicht, rund 10 Film- und Fernsehbeiträge sind in der jüngeren Vergangenheit bereits entstanden. Selbstverständlich ist das Internet unverzichtbar...

Prof. Taubert: Eine kleine Bemerkung zum Auftritt Maria Pawlownas gestern: das war erst einmal ein hübsches Mädchen und die Leute fragten dann auch - ich meine, das sind solche Erlebnisse - wer sind denn sie eigentlich, haben die gefragt. "Maria Pawlowna" und dann kam der Wiese dazu "Ich bin Karl Friedrich". Das kleine Gespräch, das statt findet, das sind Kleinigkeiten, aber dieses, sagen wir mal Kulturbewusstsein mit Kleinigkeiten und Aufmerksamkeiten anzuregen, Impulse zu geben, genügt natürlich nicht. Und ich sage immer wieder, die Stadt muss stolz darauf sein. Das ist wichtig. Das sage ich jetzt mal ganz bewusst, dass wir das jetzt haben, und das kann auch nicht nur durch die Presse gemacht werden, und durch Bücher usw. Das müssen zum Beispiel alle Kommunalpolitiker wirklich mal in sich aufnehmen, internalisieren, verinnerlichen. Das ist eine entscheidende Sache.

Knappe: Ich gebe Ihnen völlig recht und gehe davon aus, dass Politiker fernsehen und Zeitungen lesen. Wenn wir das einzelnen Politiker oder Entscheidungsträgern usw. sagen, haben wir entweder Glück oder Pech. Mit Frau Lieberknecht hatten wir Glück. Unsere Landtagspräsidentin verstand sofort. Sie sagte: Jawohl, ich bin dabei! Ich nenne jetzt nicht, bei wem wir bisher Pech hatten, das kann sich und wird sich sicherlich ändern. Dabei helfen die Medien. Wenn immer wieder - Neues braucht seine Zeit! - von einer immer größeren Beteiligung die Rede ist, werden sich auch bislang verschlossene Ohren öffnen...

TWB: Prof. Hüfner, Sie als Präsi- dent haben ja nun den Vergleich zu anderen Regionen Deutschlands. Ist Weimar mit solch einem Gedanken auf dem richtigen Weg?

Prof. Hüfner: Na sehen Sie, wenn Sie sich die letzten Jahre ansehen, dann werden Sie feststellen, Weimar konnte sich nur über diese Kulturdimension etablieren und hat ja enorm profitiert. Wird es auch weiterhin. Ich meine die Bundesregierung denkt da ähnlich. Staatsminister Naumann, hat sich ja auch gestern wieder im Zusammenhang dazu geäußert, was ich vorher gar nicht erfahren habe. Es ist schlicht so, auch wenn Sie die beiden Teile Deutschlands vergleichen, eine große Zukunft der neuen Bundesländer liegt darin, ihren Kulturschatz weiter zu entwickeln, ökonomisch zu nutzen, mit dem landschaftlichen Tourismus zu verknüpfen. Thüringen ist da in einer sehr idealen Situation. Ich meine, die Besucher fallen ja sozusagen über Kultur.

Prof. Taubert: Auf der ITB, die ich jedes Jahr besuche, sagte ich in diesem Jahr zu den Vertretern von Weimar eine kritische Bemerkung: "Ihr fühlt Euch immer noch als Europäische Kulturstadt. Warum habt Ihr zur ITB unser Weltkulturerbe nicht noch stärker in den Mittelpunkt gerückt ?"

Knappe: Die Kulturstadt Weimar 1999 ist vorbei. Nichts wehrt ewig. Ausruhen ist fehl am Platze.

Prof. Taubert: Ja, aber, das sind solche Dinge - und da komme ich immer wieder darauf zurück - es muss ein höherer Bewusstseinsgrad, eine höhere Bewusstheit auch wissenmäßig natürlich, nicht nur Unesco oder irgendetwas, in die Köpfe der verantwortlichen Kommunalpolitiker und auch anderer. Das geht in die Universitäten hinein, das muss in die Schulen hinein, das ist auch ganz bedeutsam und richtig und wichtig. Ich sage sicher nichts Neues, aber das ist eine Zustandsanalyse erst einmal aus meiner Sicht.

TWB: Ist denn schon eine Konzeption in der Richtung erarbeitet worden, wie man das am besten umsetzen könnte?

Knappe: Die haben wir vorgelegt: "Maria Pawlowna - Ein Konzept: Kultur - Medien - Wirtschaft". Die müssen Sie nur ernst nehmen. Es liegt auf der Hand: Vermittels Medien wird öffentliches Bewußtsein erzeugt. Wir leben im Medienzeitalter. Das impliziert Chancen, die zu nutzen auf der Hand liegen.

TWB: Wir möchten bitte konkrete Fakten haben! Was Prof. Taubert sagte, dass es in die Schulen rein muss, in die Universitäten usw., da setzte meine Frage an und es reicht nicht, wenn die Politiker das wissen, sondern es muss jetzt wirklich auch realisiert werden. Aber Wie?

Prof. Taubert: Also nicht nur aus lokalpatriotischen Erwägungen wird das jetzt so betont. Natürlich auch, man ist immer Regionalpatriot, man ist auch Lokalpatriot, aber man muss aus der Enge natürlich heraus. Deswegen habe ich ITB gesagt. Wir müssen herausstrahlen. Was Prof. Hüfner sagt, dass wir im nächsten Jahr das fokussieren, zentral fokussieren auf Weimar. Es wird natürlich im Vorfeld eine Menge Menschen geben, so hoffe und wünsche ich, die diesen Impuls aufgreifen und in die Schulen trage. Wir wollen mal überlegen, was wir einbringen können? In Weimar haben wir z.B. eine Unesco-Projektschule oder nehmen sie das Musikgymnasium - die kennen natürlich auch ihre Aufgaben und ihre Zielsetzung. Aber auch das ist zum Beispiel viel zu wenig bekannt, dass wir in Weimar eine Unesco-Projektschule haben. Ich will damit sagen - ich bin nicht der Kultusminister, ich bin ein Einzelkämpfer - ich tue jetzt mein Mögliches, aber wir bündeln ja durch unsere Bekanntschaft, durch unsere gegenseitigen Aufmerksamkeiten, wenn etwas los ist, und wir treten dann ja auch gemeinsam auf.

Prof. Hüfner: Zwei Punkte: Das eine, was wir schon aufgrund dieser Diskussion auch in der Deutschen Unesco-Kommission jetzt überlegen, ist, ob wir, wenn wir an dem 1. Februar diese Großveranstaltung haben für alle und das gesamte Weltkulturerbe mit allen Facetten vorstellen, etc, dann am nächsten Tag vormittags diese beiden Arbeitsgruppen haben, ob wir nicht nachmittags noch mal die Weimargruppe gesondert einladen und diskutieren, welche Konsequenzen hat das Weltkulturerbe für Weimar konkret? Das haben wir im Programm, aber das müssen wir hier mit denen diskutieren, die in Weimar vor Ort daran mitwirken, ob sie interessiert sind oder nicht. Das andere ist natürlich, Sie können ja auch konstruktiv mitwirken, Sie sind ja nicht nur schreibende Zunft, warum machen Sie nicht vierteljährlich eine Art kulturpolitisches Forum und stellen solche spezifischen Fragen mal vor? "Was passiert in unseren Schulen in Weimar zu … oder so?" , und laden die Gruppen ein. Offensichtlich habe ich so ein bisschen den Eindruck - wenn es von der Politik nicht kommt, dann könnte es von den Medien kommen, etwas Übergeordnetes für alle zu machen. Wenn nämlich die Gruppe um Dorint und Hilton es macht, dann hat es immer gleich diese eine ökonomische Komponente, dann sind eventuell die rein kulturellen Bereiche nicht ansprechbar. Aber Sie als Zeitung können so etwas machen. In Berlin gibt es den Tagesspiegel, der macht regelmäßig solche Foren und das nicht ohne Erfolg.

TWB: Da wir heute hier sitzen und uns unterhalten, dass die Berichterstattung läuft, zeigt doch, dass wir schon vor einer ganzen Weile damit angefangen haben.

Prof. Hüfner: Das war ja auch nur eine Anregung. Ich bringe nur ein Beispiel: Gestern habe ich nun Gelegenheit gehabt, mich mit der Wissenschaftsministerin Schipanski etwas ausführlicher über alle möglichen Optionen zu unterhalten. Und sie will natürlich die Wartburg auch aktivieren. Sie plant ein Dialogforum, das sich mit Fragen unserer Zeit beschäftigt, wo Wissenschaftler aus allen Ecken der Welt sich beteiligen. Sie ist ja auch bei uns in der Deutschen Unesco-Kommission zu Fragen der Wissenschaftsethik sehr engagiert - und wir haben sie ohne Schwierigkeiten gewonnen. Sie macht da voll mit und hat plötzlich auch Weltkontakte hergestellt.

TWB: Ein neuer Sängerkrieg - nur eben auf anderem Gebiet…

Prof. Hüfner: Ja.

Prof. Taubert: Ich will mal zwei kleine Beispiele nennen, die aus meiner Sicht konkretisierbar sind: Herr Lohmann, ich nenne die Namen, ist also Direktor des Intercity Hotels, er ist ein sehr engagierter Mann, der sagt, "wissen Sie, wären Sie bereit" - wir waren im Wechselgespräch - "Ich gebe jetzt ein Angebot an einen Unternehmer nach Hamburg mit der Überschrift 'Besuchen Sie die Welterbestätten in Weimar'" Wären Sie bereit, einen Vortrag über Welterbestätten in Weimar zu halten?" Ich sagte "Natürlich, sofort mache ich das - ich bin natürlich nur zum Teil dabei - das hat er ausgearbeitet mit den anderen." Natürlich wird Dorint sagen, was der macht, können wir auch, das wird gewissermaßen eine Wechselwirkung, einen gesunden Mechanismus haben. Zweites Beispiel: Ich bin in der Volkshochschule gewesen: - die Schulen haben ihre Lehrpläne, das geht ja nicht so ohne weiteres, wenn man sagt, wir bringen das und das. Man kann nur Materialien verteilen und kann sagen, bitte schön, engagiert euch! Ich sage an der Volkshochschule: Ihr könnt doch zum Beispiel anbieten im Wintersemester, "Welterbe" - das ist nur ein Teil der Kraft, ich sage, ich bin bereit. Aber wir brauchen Multiplikatoren, wir müssen noch mehr dazu haben. Das muss sich wie ein Schneeballeffekt vermehren ohne Übertreibung natürlich , sonst kommen wir zu einer Inflation, das darf auch nicht sein. Viele kleine Schritte - nicht eine Summierung, sondern ein Multiplikationsprozess.

Knappe: Ein konkretes Beispiel: Wir haben, als wir uns letztens unterhielten, Prof. Hüfner, und ich einig waren, Weltkulturerbe und Tourismus zu verbinden, beschlossen, beide Anliegen einmal in einem gemeinsamen Zusammenhang zu sehen und zu behandeln. Partikularisiertes Denken, ich meine u.a. das Beharren in den engen Grenzen von Ortsschildern, ist beim Vermarkten der Region - ich meine hier konkret Thüringen in Mitteldeutschland - hinderlich. Ein Beispiel: Wenn ich Luther sage, dann muss ich ja mindestens Wittenberg - Weimar - Eisenach denken. Oder nehmen wir ein anderes Beispiel, die Restaurierung der Wartburg. Hier liegt es auf der Hand, das Großherzogtum Sachsen - Weimar - Eisenach zu denken. Oder wenn ich das Weltkulturerbe anspreche, dann betrifft dies in Thüringen konkret Weimar und die Wartburg. Aber auch das Großherzogtum Sachsen - Weimar - Eisenach. weil ich u.a. mit Maria Pawlowna, der russischen Großfürstin, Großherzogin und Mutter des Restaurators der Wartburg, Carl Alexander, in Berührung komme. Letzterer wiederum steht für das "Silberne Zeitalter" Weimars. Ich will damit sagen, die geschichtlichen und kulturhistorischen Ereignisse und Ergebnisse, bilden einen hochinteressanten Stoff u.a. für den Standort, die Tourismusbranche, für die Medien, für die Politik und für die Identitätsstiftung. Maria Pawlowna bietet als Integrationsfigur aus vergangenen Tagen dafür viele Ansätze.

TWB: Aber wir können nicht immer nur über Maria Pawlowna schreiben.

Knappe: Dies ist nicht gemeint. Glauben Sie wirklich, daß Maria Pawlowna zu oft beschrieben wurde? Es ist eine reizvolle Aufgabe, sich dieses Themas anzunehmen. Freiherr von Stein pflegte zu sagen: "Die Kenntnis des Ortes, ist die Seele des Dienstes". Man kann es auch in die Sprache unserer Tage übersetzen: Wo liegen die wirtschaftlichen Chancen Thüringens? Thüringen könnte ein Standort für Hochtechnologien, Medien und Tourismus, Gewerbe und Dienstleistungen sein. Leider ist die derzeitige Auslastung der Bettenkapazitäten, die Verweildauer der Gäste nicht zufriedenstellend. Man muß fragen, was ist zu unternehmen? Wie gelingt es, mehr Leute zum längeren Verweilen in Thüringen zu animieren? Das bedarf der Ideen. Maria Pawlowna ist eine solche. Ideen bedürfen der Umsetzung. Hierbei sind alle Thüringer gefragt!

TWB: Gibt es ausreichend Ideen? Welche weiteren Vorhaben sind dabei anvisiert?

Knappe: An Ideen mangelt es nicht. Aber ich will auch anregen, darüber nachzudenken, ob zum Beispiel ein UNESCO-MARIA-PAWLOWNA-BALL nicht opportun für ein größeres Weimarer Hotel oder für die Hotel-Kultur-und Kongress-Weimarhalle-Inititative "5+1" wäre. Die UNESCO veranstaltet Anfang Februar 2001 einen Kongreß in Weimar, "Weltkulturerbe und Tourismus", zu dem sich hochrangige Persönlichkeiten aus aller Welt treffen. Zum UNESCO-MARIA-PAWLOWNA-BALL würden wiederum wichtige Persönlichkeiten Thüringens aus Kultur, Wirtschaft und Politik eingeladen. Das könnte u.a. interessante Kontakte bringen. Das UNESCO-MARIA-PAWLOWNA-BALL-EREIGNIS würde eine weitere hochkarätige Tradition mit überregionaler Ausstrahlung begründen.

Prof. Hüfner: Ich weiß nicht, wie Ihre Infrastruktur hier ist, was so alles passiert im Jahr. Aber interessant und wichtig ist immer, dass man Veranstaltungen durchführt, wo man sozusagen die Leute aus ihren normalen Bezügen herausholt und neu mischt. Und das können Forumsgespräche sein mit allgemeinen Themen, wo Leute unterschiedlicher Gruppierung kommen, können Bälle sein oder andere Veranstaltungen. Ich habe an Goethes Geburtstag hier den Eindruck gewonnen, dass auch damals eine bestimmte Gruppe dabei gewesen ist.

Knappe: Das sind in der Regel die gleichen Personen.

Prof. Taubert: Und hier hat jedes Hotel seine spezifischen Veranstaltungen, sowie gute Möglichkeiten Besucher in unserer Klassikerstadt mit dem geistigen Erbe Weimars vertraut zu machen. In der Touristik und mit dem Hotelgewerbe gibt es viele und gute Koordinatoren und Organisatoren.

Knappe: Wir haben im letzten Jahr aus einem Spaß heraus den Geburtstag Maria Pawlownas im Derag Hotel "Russischer Hof" gefeiert. Bereits nach der ersten Anzeige waren alle Karten vergeben. Die Begeisterung für den Abend war enorm, denn es vermischte sich Historisches mit Aktuellem, das feine Gastmahl bei Hofe, mit erstklassiger Musik und erlesenen Weinen. Die Medienresonanz war ausgezeichnet. Gäste und Künstler, die Wirte und Organisatoren waren aufs Höchste zufrieden. Eine Wiederholung 2001 steht an. Im Schloß Kromsdorf wird es am 25.November 2000 ein besonderes kulturelles Ereignis geben, den "Le bal de la duchesse Maria Pawlowna au chateau de Kromsdorf". Dieses Ball-ereignis auf Schloß Kromsdorf, in unmittelbarer Nähe von Schloß Tiefurt, ist ein weiterer Stein, in dem gerade angesprochenen Mosaik "Maria Pawlowna".

Prof. Hüfner: Das gemeinsame Bewusstsein muss deshalb noch gefunden werden.

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